Andrea Wulf,
Die Abenteuer des Alexander von Humboldt. Eine Entdeckungsreise
illustriert von Lillian Melcher

übersetzt aus dem Englischen von Gabriele Werbeck
Bertelsmann Verlag, Gütersloh, 2019
gebunden, 272 Seiten für 28 € 
ISBN 978-3-570-10350-0


Es ist wohl die typischste aller Frage, die sich Rezensenten und Bibliothekare zu einem neuen Buch stellen: Zu welcher Art gehört es und wo kann ich es systematisch einordnen. Die Autorin selbst findet in den vorhandenen Regalen nichts Passendes: Nicht graphic novel und schon gar nicht Bilderbuch! Sie bevorzugt: illustrierte Entdeckungsreise.

Die Idee, ein besonderes Buch über Alexander von Humboldt zu schreiben, kam ihr als seine Tagebücher von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz erworben und einer Fachöffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Sie suchte eine angemessene Form literarischer Verarbeitung. Bei der Lektüre seiner Tagebücher sprangen ihr die vielen Zeichnungen, mit denen von Humboldt Gesehenes und Erforschtes festhielt, ins Auge. In einem Interview bezeichnete sie diese als „infographics“ und in der „illustrierten Entdeckungsreise“ habe sie eine angemessene Form ihrer literarischen Verarbeitung gefunden.

In der Tat gleicht das Buch keiner graphic novel, die eine Geschichte in klarer Abfolge einzelner, szenischer Bilder mit Textelementen erzählt. Natürlich kommen auch Wulf und Melcher nicht ohne szenische Zeichnungen und Text in Sprechblasen aus. Dennoch ist keine Seite in den für graphic novels typischen strips, also Streifen von aufeinander folgenden Zeichnungen in Kästchen, gegliedert. Die großen Seiten ähneln eher einer Tischplatte, auf der Humboldts Tagebuchseiten und Zeichnungen ausgebreitet werden.

So wie man die ausgebreiteten Notizen, Zettel, Zeichnungen nacheinander in die Hand nimmt und liest, wieder zurücklegt und in anderer Reihenfolge noch einmal liest, so kreuzt man am besten lesend und betrachtend über die illustrierten Seiten dieses Buches. 

Autorin und Zeichnerin beziehen sich immer wieder auf die originalen Tagebücher des Universalgelehrten, um Authentizität zu behalten. So taucht ein unscheinbarer Wasserfleck aus dem Original auf, der davon zeugt, dass diese Tagebücher bei der Kenterung des Bootes auf dem Orinoko fast verloren gingen. Welches anfängliches Entsetzen, das später in Erleichterung über den glimpflichen Ausgang umschlug,  musste den Gelehrten gepackt haben, als er all seine Aufzeichnungen schon durchnässt versinken sah? Mit solchen Bildern statt vieler trockener Worte wollen Autorin und Zeichnerin das Miterleben in der Phantasie des Lesers heraufbeschwören.

Traditionell besitzt die deutsche Literatur eine ausgesprochene Textorientierung. Deutsche Leser wandern gern und gekonnt durch Bleiwüsten. In anderen europäischen Ländern hat eine Text-Graphik-Kombination, als graphic novel oder bande dessinée, durchaus literarischen Status. Insofern mag dieses Buch zu einem für uns ungewohnten Menü gehören, das bedeutet aber – wie wir von anderem Ungewohnten wissen – keinesfalls zu einem ungenießbaren.