Carol Birch, Der Atem der Welt

Roman aus dem Englischen, übersetzt von Christel Dormagen
Insel Verlag, Berlin, 2012
Gebundes Buch,393 Seiten für 19,95 €,
ISBN 3-458-17544-X
Taschenbuch, 393 Seiten für 9,99 €,
ISBN 978-3-458-35969-2
Hörbuch, ISBN 3-8449-0687-8, 13,99 €
E-Book, ISBN 3-458-79390-9, 9,99 €

Am Anfang dieser Rezension kann ich mit meiner sehr persönlichen Meinung zur Diktion der Autorin nicht hinter dem Berg halten. Sie greift nicht nur in direkter Rede,  auch im übrigen Text zu Worten, die keineswegs nur Ekliges beschreiben, sondern die selbst eklig klingen: Fäkal- und Gossensprache. Das finde ich alles andere als gelungen, denn ein Roman sollte sich von der Reportage unter anderem durch gute Sprache unterscheiden, Belletristik eben!

Es wird einen Grund für diese Wortwahl geben: Carol Birch will die Erzählperspektive deutlich machen, sie lässt ihren Protagonisten erzählen, der aus der Londoner Gosse stammt. Solch vorgeblicher Realismus ist ebenso en vogue wie diese Doku Soaps im Fernsehen, allerdings auch ebenso wenig real wie diese.

Aber jeder Leser muss sich sein Urteil selbst bilden, wozu er den Roman lesen sollte. Deshalb nun zum Inhalt, der zwei historisch verbürgte Ereignisse aufgreift, die hier aber nicht verraten werden sollen.

Der Roman spielt zur Zeit der frühen wissenschaftlichen Entdeckungsreisen am Be-ginn der Moderne. Wissenschaftler beginnen sich und den Menschen die Welt zu er-klären, entdecken Naturgesetze und das Wirken der Evolution. Doch dieses alles ist noch lange nicht Allgemeinwissen der breiten Bevölkerung und der Seeleute. Der erzählende Protagonist heuert als Junge auf einem Walfänger an, der nicht nur die Riesenmeeressäuger jagt, sondern auch zu einer Expedition aufbricht, deren Ziel der Fang eines Drachen für einen Londoner Tierhändler ist.

Genau damit beschreibt die Autorin diese frühe Zeit moderner Entdeckungen sehr treffend. Den Waran, den man fangen möchte, bezeichnet man noch mittelalterlich als Drachen. Doch während die Menschen des Mittelalters ihn in legendären Welten leben ließen, wissen die modernen Menschen dieses Romans schon, diesen Drachen zu finden und trauen sich, ihn genau wie andere Kreaturen zu fangen.

Diese Seereise bildet die Szenerie für die abenteuerlichen Erlebnisse des Protagonis-ten und seiner Seekameraden. Und als Kind unserer Zeit – geboren in den 1950er Jahren – inszeniert Carol Birch die Erzählung wie einen Film und packt in die knapp 400 Seiten Walfang, Sturm, Drachenjagd und Schiffsuntergang. Abenteuer und Tra-gödie auf fernen Inseln, auf hoher See warten auf den Leser. Carol Birch erzählt gut, selbst das, was schon vielfach erzählt wurde.

Mit diesem Roman, es ist ihr elftes Werk, hat Carol Birch es auf die Vorschlagsliste zur engeren Wahl des wichtigsten britischen Buchpreises geschafft.

Wer den Roman ausleihen will, findet ihn im Bestand der Stadtbibliotheken Meer-busch, Düsseldorf, Neuss und Krefeld.