Monica Kristensen : Amundsens letzte Reise

Sachbuch, übersetzt von Christel Hildebrandt 
btb Verlag, München, 2019
gebunden, 464 Seiten für  22,00 € 
ISBN 978-3-442-75782-4  
E-Book für 21,99 €
EAN 9783641222826 

Der Verlag rubriziert dieses Buch, in der Gesamtbetrachtung durchaus zutreffend, unter Sachbuch. Doch wagt es Kristensen, Dialoge und Gedanken der Protagonisten wiederzugeben, welche die Autorin formuliert hat, die also im strengen Sinne Fiktion sind. Diese fiktionalen Anteile beruhen jedoch auf genauer Auswertung von Unterlagen, Archivalien und Hinterlassenschaften dieser Menschen sowie der intensiven Untersuchung des Falles. 

Fall – das scheint mir eine zutreffende Bezeichnung zu sein. Die Autorin will nämlich eine Antwort darauf finden, ob Amundsen und seine Begleiter bei der Rettungsaktion für die Nobile-Expedition wirklich durch einen Flugzeug-Absturz umkamen.

Offiziell gelten sie als verschollen und sind für tot erklärt, da weder ihre sterblichen Überreste noch deren Flugzeug gefunden wurden. Im Juni 1928 startete Amundsen mit einem Suchflugzeug, um die Mannschaft des abgestürzten Luftschiffes Italia  in der Nähe des Nordpols zu finden. Er kehrte nicht mehr zurück und blieb samt Begleitern und Flugzeug verschollen.

Ein Teil der Mannschaft des Luftschiffes Italia wurden endlich vom sowjetischen Eisbrecher Krassin gerettet. Ein anderer Teil der Luftschiff-Besatzung wurde aber nie gefunden; es sind diejenigen, die in der Ballonhülle Dienst taten und mit ihr beim Absturz fortgerissen wurden.

Aus später gefundene unbeschädigte Treibstofftanks von Amundsens Flugzeug schließt die Autorin auf eine sichere Landung oder Wasserung. In dem bisher unbeachteten Bericht einer studentischen Expedition aus dem Jahre 1936 entdeckte die Autorin, dass diese auf ein verlassenes, aber offenbar lange genutztes Lager gestoßen waren. Dort hätten sie Reste aus Ballonseide von Nobiles Luftschiff »Italia« sowie Zeitungsfetzen aus Norwegen gefunden. Diese beiden Indizien lässt Kristensen auf einen möglicherweise ganz anderen Verlauf dieser fatalen, letzten Reise Amundsens schließen, als man bisher annahm.

Drei Jahre nahmen die Recherchen der Glaziologin und Krimi-Autorin in Anspruch. In dieser Zeit verschaffte sie sich ein profundes Wissen über die Personen, Suchaktionen und technischen Zusammenhänge, die sie lesenswert an ihre Leser weitergibt. Die Darstellung bleibt jedoch nicht auf dieser Ebene hängen. Sie stellt Motivation der und Beziehungen unter den beteiligten Personen und Mächte dar. Damit macht sie deren rückblickend in mancher Hinsicht  unverständliches Handeln und Verhalten begreifbar. Dazu gehören auch die politischen Verhältnisse zwischen den damals an der Nobile-Expedition und den anderen an der Suche nach ihr beteiligten Staaten.

Das Buch kann in der Stadtbibliothek Düsseldorf ausgeliehen werden.